Am Freitagmorgen hatte ich mit den Schwestern abgesprochen, für eine Stunde das Angebot des Lehrers wahrzunehmen, in seinem Unterricht der ersten oder zweiten Klasse der einen Grundschule in Quiquijana zu hospitieren. Ich ging also mit einigen Kindern aus der Albergue morgens zur Schule. Obwohl wir fünf Minuten zu spät kamen, worüber ich mir den ganzen Weg schon Gedanken machte (aber kleine Kinder laufen eben langsamer), war ihr Lehrer noch nicht da. Auch eine andere Klasse wartete noch auf ihren Lehrer. Ein Kollege bei dem ich mich vorstellte, riet mir vor der Tür auf ihn zu warten. Die anderen Erstklässler liefen immer wieder neugierig aus dem Raum, um zu sehen, wer denn Unbekanntes vor der Tür warte! Nach weiteren fünf Minuten fragte ich diesen Kollegen, ob ich den Unterricht nicht einfach beginnen soll. Er stimmte begeistert zu, begleitete mich in den Raum und erklärte den Kindern, dass ich ihre Lehrerin sei bis der eigentliche Lehrer komme. Ich stellte mich den Kindern vor und begrüßte sie, was sie im Chor beantworteten. Wir begannen mit einem Klatschrythmus, auf den wir zählten und dabei die Dreier-Reihe betonten. Ich teilte die Klasse in zwei Hälften, die verschiedene Schritte zählten. Anschließend wiederholten wir die Vokale in ihrer Aussprache und Schreibung, indem wir Wörter suchten, in denen sie vorkamen und gemeinsam in die Luft schrieben. In der folgenden Phase bat ich immer Kleingruppen von freiwilligen Schülern oder Schülerinnen nach vorne, die sich in zwei Gruppen separat aufstellen sollten. Ihre Anzahl wurde vom Rest der Klasse direkt oder zählend bestimmt. Danach forderte ich die vorne stehenden Kinder auf einen Kreis zu bilden und fragte nach der Summe aller Kinder im Kreis. Die einzelnen Anzahlen hielten wir nummerisch an der Tafel fest. Ich ergänzte anschließend erklärend das Plus- und Ist-Gleich-Symbol. Das wiederholten wir mehrere Male mit variierten Anzahlen bis wir das Ganze rückwärts machten um auch Subtraktionen zu verstehen. Das Vorkommen, Kreisbilden und Zahl-Anschreiben machte den Kindern Spaß und ermöglichte ihnen sich zu bewegen. Alle waren mit Elan dabei. Ich fragte mich nur die ganze Zeit, wann denn ihr Lehrer komme und wie er das finde, dass seine Schüler von einer fremden Lehrerin motiviert scheinbar undiszipliniert im Raum herumlaufen.
In der letzten Phase dieser Stunde bat ich die Kinder ihre Mathematikhefte herauszunehmen und die Aufgabe an der Tafel abzuschreiben. Ich malte einfache Gesichter in Gruppen an und schrieb darunter je ihre Anzahl als Additionsterm. Anstatt des nummerischen Ergebnisses zeichnete ich ein leeres Kästchen und forderte auf die fehlende Zahl einzusetzen. Diese Aufgabenstellung ließ mehrere Lösungswege zu, so dass schwächere Schüler sie auch zählend lösen können. Die Kinder zeichneten kreativ lachende und traurige Gesichter mit Haaren und Ohren in allen Variationen. Anschließend bestimmten sie ihre Anzahl. Meine gewährte „Hospitationszeit“ war mittlerweile abgelaufen, weshalb ich den Kollegen in seiner Klasse aufsuchte, ihm mitteilte, dass der erwartete Lehrer immer noch nicht da sei, ich aber jetzt gehen müsse. Er meine, das wäre okay und fragte mich, ob ich nicht vielleicht regelmäßig Englisch-Unterricht geben könne. Wir vereinbarten, das in der nächsten Woche mit der Direktorin abzusprechen.
Sonntag, 21. März 2010
Ich baue mir ein Haus, wie es mir gefällt

Am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche habe ich mit den Kindern Häuser gebaut. An vielen Stellen hier gibt es Hügel mit verschiedendensten Steinen, weil die Erde hier sehr steinig ist. Diesen Schatz wollte ich nutzen, als ich mit wenigen Neugierigen anfing aus ihnen ein kleines Haus zu bauen. Die Gruppe der kleinen Architekten nahm rasch zu. Sie sammelten kleine und große, flache und runde Steine aller Farben. Manche nutzten auch Erde, Sand, Wasser, Eukalyptusblätter oder –hölzer als Baumaterial. Sie hatten genaue Vorstellungen, wie ihr Haus aussehen soll: „Mein Haus bekommt vier Stockwerke“, „Ich baue ein Haus mit Garten“, „Bei mir ist die Küche in einem extra Gebäude“, „Mein Haus hat einen großen Innenhof“…
Manche Häuser wurden kompliziert mit einem Holzgebälk und Erde bedeckt, andere statisch geschickt mit einem Kuppeldach aus Steinen, wieder andere erhielten kein Dach, weil es nicht regnete (was es in einigen Gegenden Perus tatsächlich nur sehr selten tut, sodass zum Beispiel in Arequipa viele einfache Häuser kein Dach haben). Ihre Kreativität kannte keine Grenzen und Kinder jeder Altersstufe bauten zusammen mit anderen oder alleine ihr Traumhaus, wie es ihnen gefiel und wie sie es konnten. Auch besichtigten sie begeistert und lobend die Konstruktionen der anderen. Keiner wollte zur Albergue zurück, als ich ihnen sagte, wir müssten jetzt gehen, weil es gleich Abendessen gebe.
Ein eigenes Haus ist in der Regel nah mit einem eigenen Zuhause verbunden (im Spanischen ist es dieselbe Formulierung: Me voy a mi casa - Ich gehe nach Hause), was viele dieser Kinder nicht oder kaum haben. So gerne sie in die Albergue kommen und dort wohnen, ist es doch nicht ihr Zuhause. Die jüngsten, die ich häufig morgens in den Kindergarten begleite, erzählen oft Wunschgeschichten von ihrem Zuhause. „Heute gehe ich nach Hause und meine Mama käuft mir Ojotas (sehr einfache Sandalen aus alten Reifen, die hier jeder trägt)“.
Ich habe jedes Kind mit seinem selbstgebauten Haus fotografiert, was ihnen sehr wichtig war. Als es am nächsten Tag regnete, bedauerten sie, dass der Regen vieles ihrer Konstruktionen zerstöre.
Samstag, 13. März 2010
Alphabetisierung statt Hausaufgaben?
Hallo,
mittlerweile leben gut 70 Kinder in der Albergue. (Ca. 10 weitere werden für die nächsten Tage erwartet.) Mit der Menge an Kindern steigt natürlich auch der Lärmpegel, die Rufe und Bedürfnisse, die möglichst gleichzeitig beantwortet werden wollen, Umarmungen, Beschwerden und vieles mehr. Sie machen unseren Alltag bunter, oft auch anstrengender, aber interessant und erfüllend.
Diese Woche habe ich jeden Tag mit allen Kindern der Grundschule Hausaufgaben gemacht. Es sind ca. 40 Kinder, von denen ca. die Hälfte neu in die Albergue kam und kaum Castellaño spricht. Wir saßen (hüften, knieten oder standen) alle in einem Raum - im Idealfall an Tischen. Ohne Anleitung und möglichst noch permanente Begleitung machte kaum jemand seine Aufgaben! Oft erklärte sich das aber auch, weil sie völlig überfordert damit waren: Wie kann ein Kind ohne Alphabetisierung drei lange gekritzelte Sätze in einer fremden Sprache abschreiben? Und Motivation aufbringen, jeden Satz so lange wieder abzumalen, bis je eine Seite gefüllt ist?
Ich wusste oft nicht bei welchem Kind ich zuerst helfen soll. So flitze ich abwechselnd von Kind zu Kind, hielt das eine davon ab, einfach aus dem Raum zu rennen, motivierte das andere ihre Hausaufgaben herauszuholen und nicht halb oder ungemacht das Heft wieder einzupacken, ihre Seiten nicht zu zerreißen, keine Stifte oder Scheren von anderen Kindern anzukauen und auf der Linie zu schreiben, wenn sie endlich mal soweit waren!
Währenddessen gab die eigentlich mitzuständige Schwester im anderen Gebäude Schulmateralien aus, empfang Hilfe suchende Mütter auf Quechua oder schnitt Moosgummiformen aus.
Mit der Menge der Kinder wächst auch die Menge kaputter Kleidung exponentiell. Meistens ist ihre Schuluniform betroffen, die sie natürlich täglich während der Schulzeit tragen, sodass sich meine Nähzeit auf die späten Abendstunden verschiebt. Aber ich flicke ihre Schultaschen, Mützen, Blusen, Pullover und Hosen gerne und sie freuen sich, wieder ordentlich zur Schule gehen zu können.
mittlerweile leben gut 70 Kinder in der Albergue. (Ca. 10 weitere werden für die nächsten Tage erwartet.) Mit der Menge an Kindern steigt natürlich auch der Lärmpegel, die Rufe und Bedürfnisse, die möglichst gleichzeitig beantwortet werden wollen, Umarmungen, Beschwerden und vieles mehr. Sie machen unseren Alltag bunter, oft auch anstrengender, aber interessant und erfüllend.
Diese Woche habe ich jeden Tag mit allen Kindern der Grundschule Hausaufgaben gemacht. Es sind ca. 40 Kinder, von denen ca. die Hälfte neu in die Albergue kam und kaum Castellaño spricht. Wir saßen (hüften, knieten oder standen) alle in einem Raum - im Idealfall an Tischen. Ohne Anleitung und möglichst noch permanente Begleitung machte kaum jemand seine Aufgaben! Oft erklärte sich das aber auch, weil sie völlig überfordert damit waren: Wie kann ein Kind ohne Alphabetisierung drei lange gekritzelte Sätze in einer fremden Sprache abschreiben? Und Motivation aufbringen, jeden Satz so lange wieder abzumalen, bis je eine Seite gefüllt ist?
Ich wusste oft nicht bei welchem Kind ich zuerst helfen soll. So flitze ich abwechselnd von Kind zu Kind, hielt das eine davon ab, einfach aus dem Raum zu rennen, motivierte das andere ihre Hausaufgaben herauszuholen und nicht halb oder ungemacht das Heft wieder einzupacken, ihre Seiten nicht zu zerreißen, keine Stifte oder Scheren von anderen Kindern anzukauen und auf der Linie zu schreiben, wenn sie endlich mal soweit waren!
Währenddessen gab die eigentlich mitzuständige Schwester im anderen Gebäude Schulmateralien aus, empfang Hilfe suchende Mütter auf Quechua oder schnitt Moosgummiformen aus.
Mit der Menge der Kinder wächst auch die Menge kaputter Kleidung exponentiell. Meistens ist ihre Schuluniform betroffen, die sie natürlich täglich während der Schulzeit tragen, sodass sich meine Nähzeit auf die späten Abendstunden verschiebt. Aber ich flicke ihre Schultaschen, Mützen, Blusen, Pullover und Hosen gerne und sie freuen sich, wieder ordentlich zur Schule gehen zu können.
Freitag, 5. März 2010
Vorlaufkurs - wir lernen spielend
Hallo,
letzten Montag habe ich mit den neu aufgenommenen Kindern eine Art Vorklasse begonnen. Sie sind im (Vor-)Schulalter, kommen oft aus problematischen Familien und sprachen - wenn überhaupt - Quechua. Wir verbringen den Vormittag gemeinsam: Wir begrüßen uns mit Händen und Füßen, singend und natürlich auf Castellaño; wir malten unsere Hände, schnitten sie aus und klebten sie auf ein großes Plakat mit unseren Namen. Wir schauen uns Bilderbücher an und erzählen, wen wir sehen und was passiert, wir puzzeln, spielen Domino, tanzen...Gestern haben wir die Farben auf Castellaño gelernt, indem wir Häuser aus bunten Holzbausteinen bauten.
Auch in der freien Spielzeit danach beobachte ich die Kinder, um den "Unterricht" für den nächsten Tag vorzubereiten. Was spielen sie gerne? Was fällt ihnen schwer? Was möchten sie lernen?
Es macht Spaß und auch ich lerne viel von ihnen!
letzten Montag habe ich mit den neu aufgenommenen Kindern eine Art Vorklasse begonnen. Sie sind im (Vor-)Schulalter, kommen oft aus problematischen Familien und sprachen - wenn überhaupt - Quechua. Wir verbringen den Vormittag gemeinsam: Wir begrüßen uns mit Händen und Füßen, singend und natürlich auf Castellaño; wir malten unsere Hände, schnitten sie aus und klebten sie auf ein großes Plakat mit unseren Namen. Wir schauen uns Bilderbücher an und erzählen, wen wir sehen und was passiert, wir puzzeln, spielen Domino, tanzen...Gestern haben wir die Farben auf Castellaño gelernt, indem wir Häuser aus bunten Holzbausteinen bauten.
Auch in der freien Spielzeit danach beobachte ich die Kinder, um den "Unterricht" für den nächsten Tag vorzubereiten. Was spielen sie gerne? Was fällt ihnen schwer? Was möchten sie lernen?
Es macht Spaß und auch ich lerne viel von ihnen!
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